10/02/2011 10:34

Auch virtuelle Welten sind REAL im Sinne sozial-konstruiert!

Und schon wieder... Diesmal der Name eines DFG Projekts, es heisst "Kopplung virtueller und realer sozialer Welten" - Auch virtuelle Welten sind REAL und SOZIAL-konstruiert.... Die Frage ist eher, welche sozialen Mechanismen in virtuellen (computer-gestuetzten) Welten wie wirken, inwiefern die VERQUICKUNG von Computeralgorithmen und menschliches Handeln zu neuen Formen von Wirklichkeiten fuehren.
Virtual worlds are REAL in the sense of SOCIAL-constructed, too!
 

 

Dieser oben genannte Facebook-Eintrag fuehrte zu einigen Diskussionen, warum ich nun eine etwas ausfueherliche Stellungnahme versuche, um meine Gedanken expliziter zu machen.

Was als "real" definiert wird und was nicht, hängt von unterschiedlichen Theorien und Disziplinen ab, wie z.B.  Physik, Pädagogik oder Soziologie. Insofern ist der deutsche Wiki-Eintrag zu "real" nicht ganz korrekt oder mit anderen Worten, er vernachlässigt die soziologische Sichtweise.  ((P.S. Ich fange auch gerne mit WIki-Einträgen an, mach ich auch heute noch, und in der Regel sind es auch gute Startpunkte... ))

Wir, in der Soziologie (siehe Buch von Berger & Luckmann 1966, "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit"), gehen davon aus, dass die Realität nicht "objektiv" ist - es gibt nicht DIE eine Realität -  sondern wir Menschen konstruieren unsere eigene Realität - das nennt man in der Fachsprache dann "soziale oder gesellschaftliche Konstruktion". Dies hört sich wunderschön einfach an, aber so einfach ist es leider nicht. Denn natuerlich werden wir in eine Welt hineingeboren, in der es schon bestimmte Regel gibt (das wussten auch die Herren Berger und Luckmann), d.h. wir neuen Menschen erleben die Welt als "gegeben"  (von anderen vorgegeben) und dies wird als "objektive Faktizität" bezeichnet. Und dies ist dann eine Art der "Dualität der Strukturen und Prozesse" (s. Giddens, 1980):  d.h. auf der einen Seite, gestalten wir die Welt durch unser Handeln, aber auf der anderen Seite nehmen wir die Welt mit ihren Regeln/Normen etc so wahr, als sei sie objektiv und nicht veränderbar.

Ein Beispiel: das TV: Fuer dich und mich, wir sind mit dem TV aufgewachsen, stellt es sich so dar, als war das TV immer schon da, wir hinterfragen es nicht mehr, aber fuer die Generation (unsere Grosseltern), die erlebt haben, wie das TV eingefuehrt wurde, haben sich andere Fragen ergeben, wie z.B. ok, wir können uns jetzt abends vor dem TV treffen oder weiterhin in der Bar: Mit dem neuen TV gerät wurden neue soziale Prozesse konstruiert.

Diejenigen von uns, die die Entwicklung des Internets mit erlebt haben, haben den Umgang mit dem Internet anders erlebt, wir konstruieren unseren Alltag dadrum herum - aber fuer die heute 10 Jährigen, war das Internet schon immer da, sie erleben es als gegeben.  Sie nutzen Handys in der Schule und hier in Schweden sogar iPads ganz selbstverständlich.... es ist anders als in unserer Schulzeit mit anderen sozialen Prozessen....

Die Frage ist also nicht ob es "virtuelle Welten" wie Second Life gibt, es gibt sie, aber a) welche Formen der Technikdurchdringung gibt es und b) wie leben welche Menschen damit?

Beispiele: unterschiedliche Formen der Technikdurchdringung in unserer Gesellschaft
Wir leben in einer Welt wo Computer nicht mehr wegzudenken sind:

a) wir fahren neuste Autos (wir hatten hier in Umeå ein Auto gemietet, wo alles elektronisch lief, es gab auch keinen richtigen Autoschluessel mehr, echt witzig, alles computergesteuert)
b) neueste Flugzeuge sind voll mit Computer (wo man sich fragen kann, wer da fliegt, der Pilot oder das Flugzeug, s. Studien von Johannes Weyer et al.)
c) Wikipedia (und andere Formen der "Cultures of Participations, s. Gerhard Fischer, ACM article 2011)
d) Facebook (und andere sozialen Netzwerke)
e) Second Life

Wir alle nutzen das Internet und konstruieren damit *unsere* Realität jeden Tag - die Frage ist, wer nutzt was, wie häufig und in welcher Form und welche neuen sozialen Prozessen entwickeln sich daraus?

Es gab hier gerade eine Dokumentation im TV zum Internet (5 sehr unterschiedliche Beispiele). Ein Bespiel war: ein schwedischer Mann hat eine US-Frau in SecondLife getroffen, sie haben dort geheiratet und leben in Second Life zusammen. Sie haben sie nur 1mal bisher in "echt" getroffen. Aber was heisst in "echt"? Wer sagt was "echt" ist? Aus unserer traditionellem Verständnis sagen wir, das unser Leben "real und echt" ist, aber das stimmt so nicht fuer jede Person. Daher muessen wir sehr aufpassen, welche Begriffe wir wählen.

Daher wollte ich mit dem Slogan "auch virtuelle Welten sind REAL und SOZIAL-konstruiert"  betonen, dass der Unterschied - den leider viele Menschen machen -  zwischen der "echten, realen Welt" und "SecondLifie" eben NICHT darin besteht, dass das eine real ist und das andere nicht. Aus meiner Sicht ist es eine Frage der Computer-Durchdringung, und welche pos. oder neg. Ausmasse die Computernutzung fuer einige Menschen hat, und insbesondere inwiefern die VERQUICKUNG von Computeralgorithmen und menschlichem Handeln zu neuen Formen von Wirklichkeiten fuehren - aber alle Formen solcher Computernutzung sind sozial-konstruierte Wirklichkeiten.

  Ich spreche daher von verschiedenen Graden einer "sozio-technischen Gesellschaft" (siehe Jahnke, 2009) .

 

Isa Jahnke (2009): Socio-technical Communities: From Informal to Formal?. In: B. Whitworth, A. de Moor (Eds.). Handbook of Research on Socio-Technical Design and Social Networking Systems. Hershey (PA): Information Science Reference, IGI Global Publisher. Chapter L. pp. 763-778.

=> In diesem o.g. Beitrag von 2009 disuktuere ich die Veränderung von informalen and formalen Strukturen in Gesellschaft durch die Computerdurchdringung (am Beispiel einer soziotechnischen Community). Das letzte Kapitel illustriert Tendenzen einer "socio-technical society".

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Dr. Isa Jahnke

University of Missouri
School of Information Science and Learning Technologies (SISLT, iSchool)
Associate Professor
Director of Research for the IELab