Editorial von Johannes Wildt und Isa Jahnke

 

Auszug S. 9-17:
Isa Jahnke, Johannes Wildt

Editorial: Hochschuldidaktische Hochschulforschung –fachbezogen und fachübergreifend?!

In der aktuellen Debatte über die Qualität von Lehre und Studium ist die Reform einzelner Studiengänge ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Als konstitutives Moment an Universitäten und Fachhochschulen wird dabei das Fach bzw. werden die Fächer gesehen, aus denen die Studiengänge komponiert werden. Empfehlungen von Wissenschaftsorganisationen wie der Hochschulrektorenkonferenz von Studium und Lehre (2008), dem Wissenschaftsrat (2008), aber auch die Förderinitiativen vom Stifterverband, von Mercator- und VW-Stiftung votieren dafür, die Studiengänge und die darin enthaltenen Fächer zum Ausgangs-, Angel- und Zielpunkt der Reformanstrengungen zu machen. In diesem Zusammenhang wird in kritischer Wendung gegenüber der in Deutschland entwickelten Hochschuldidaktik (dieser wird nicht selten eine Fachferne unterstellt und eine mangelnde Akzeptanz in den Fächern bemängelt), eine fachbezogenere Hochschuldidaktik gefordert. Für die deutsche Situation ist typisch, dass die mittlerweile implementierte Hochschuldidaktik ganz überwiegend Bildungsmanagementaufgaben ausübt. Die hochschuldidaktischen Einrichtungen werden auch immer wieder in Entwicklungsprozesse auf der Ebene der einzelnen Studiengänge, einzelner Module oder Lehrveranstaltungen einbezogen. Sie arbeiten dort in fachlichem Kontext in Kooperation mit den Fachvertretern und sind insofern mit ihrer hochschuldidaktischen Expertise an der fachbezogenen Studienreform beteiligt. So stellt sich für die Hochschuldidaktik die zentrale Frage, wie die überregional geführten Diskurse, Forschungen und Expertisen hochschulnah in die praktische Arbeit der Studienreform und in die Professionalisierung der Lehre einfließen können. Wie können hochschuldidaktische Themen in den Weiterbildungsangeboten (bspw. Seminare, Workshops, Tagungen, Netzwerke) auf das Fach bezogen „gelehrt“, umgesetzt und angewendet werden?

Fachübergreifende hochschuldidaktische Themen gibt es bspw. zu ‚Lehren und Lernen‘, ‚Prüfen und Beraten‘, ‚Evaluieren‘ und ‚Innovieren von Studiengängen‘ (vgl. dazu die Standards der dghd 2005). Es finden sich in diesen Programmen auch Angebote zu fachlich selegierten Zielgruppen (z.B. Wirtschaftswissenschaftler, Naturwissenschaftler etc.) und auf einzelne für Fächer bzw. Fächergruppen mit typischen hochschuldidaktischen Problemstellungen ausgelegte Veranstaltungen (Labordidaktik für Ingenieurwissenschaften, Übungsgruppen in der Mathematik, Umgang mit Texten in geisteswissenschaftlichen Seminaren oder forschendes Lernen in Praxisstudien o.ä.). Prinzipiell funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einer fachübergreifend angelegten Hochschuldidaktik und den Fächern auf der Hochschulebene. Dies lässt sich an vielen Dokumenten, z.B. aus den Lehrpreisen der letzten Jahre, und Publikationen ablesen (bspw. im Neuen Handbuch Hochschullehre). Sie zeigen, dass und wie produktiv es sein kann, die fachübergreifende hochschuldidaktische Expertise mit der Sichtweise aus den Fächern zu integrieren. Dabei kommt es unter anderem darauf an, den Transfer hochschuldidaktischer Konzeptualisierungen auf die je spezifischen Situationen in den einzelnen Fächern bzw. Lehrveranstaltungen umzusetzen.

Variablen einer Hochschuldidaktischen Hochschulforschung – ein Rahmenmodell

Im November 2009 fand ein Arbeitstreffen zur hochschuldidaktischen Hochschulforschung statt, das mit 24 von 32 BMBF-Förderprojekten in der Förderlinie Empirische Hochschulforschung durchgeführt wurde. Der größte Teil der Projekte in diesem Programm befasst sich mit hochschuldidaktischen Fragestellungen zu empirischer Hochschulforschung. Auch wenn keineswegs alle Themenfelder der hochschuldidaktischen Hochschulforschung auf diese Weise erfasst werden, bot die November-Tagung Gelegenheit, die hochschuldidaktische Forschungslandschaft in Deutschland zu repräsentieren und im Austausch über Fragestellungen, theoretische Konzeptionen, eingesetztes Methodenspektrum und empirische Designs neu zu gestalten. Es standen insbesondere die drei folgenden Cluster zur Diskussion, in denen sich die jeweiligen Projekte einordnen konnten (im Detail in Jahnke, 2010).

  1. Entwicklung von Lehrkompetenz
  2. Entwicklung von Lehr/Lernszenarien
  3. Lernen und der Lernergebnisse von Studierenden

Bereits die Projektbeschreibungen, die bei der Clusterung zugrunde lagen, zeigten, dass eine Gruppierung um diese Foki (a, b, c) möglich war (ohne die Bildung disjunkter Klassen von Projekten anzustreben). Dennoch war es in diesem Sinne möglich, die Vielfalt der hochschuldidaktischen Forschungslandschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen. Dies ermöglichte eine erste gemeinsame Sicht auf das Panorama der Forschungslandschaft, in der die Forschungsthemen entlang einer „Wirkungskette“ lokalisiert wurden.

Diese Wirkungskette reicht von der Lehrkompetenz über die Lehr/Lernszenarien [in denen die Lehrkompetenzen der Lehrenden mehr oder weniger wirksam werden (sollen)], über die Lernprozesse der Studierenden (innerhalb oder außerhalb des Rahmens dieser Szenarien) hin zu den Lernergebnissen [die wie im Kontext des Bologna-Prozesses intendiert als Kompetenzen oder wie auch immer sonst artikuliert werden (sollen)]. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Figurierung durch die Clusterung der Projekte nur Startpunkt für eine Ausdifferenzierung, Detaillierung, Konkretisierung und ggf. auch Modifikation einer „cognitive map“ der hochschuldidaktischen Forschung sein konnte. Die Anschlüsse der Wirkungskette zu bestehenden Theorien werden ausführlich an anderer Stelle diskutiert (Wildt & Jahnke 2010).

Die Ausdifferenzierung der Wirkungskette soll am Ensemble der Förderprojekte des BMBF im Programm Empirische Hochschulforschung entfaltet werden. Wie eingangs ausgeführt wurden die im Programm des HD-HF-Workshops vertretenen Projekte in drei Cluster gruppiert, die an unterschiedlichen Gliedern der Wirkungskette lokalisiert werden.

Alle Cluster hatten die Aufgabe, aus den Variablen der Untersuchungskonzeptionen der vertretenen Projekte ausgehend von den untersuchten Variablen die „concept maps“ an der Systemstelle der Wirkungskette auszuarbeiten. Diese Ansätze wurden als „concept maps“ im Plenum vorgestellt und aufeinander bezogen. Dabei gelang es, die drei „concept maps“ in den Entwurf einer Suprastruktur eines einzelnen „concept map“ zu transformieren. Auf der Basis der Vorarbeiten wird dieser Entwurf im Folgenden weiter ausgearbeitet: siehe Abb. 1: Hochschuldidaktische Wirkungskette (S. 14-15). Das Rahmenmodell (Abb. 1, S. 14-15 )verdeutlicht, dass es mehrerer Projekte bedarf, um ein ganzheitliches Bild zur hochschuldidaktischen Hochschulforschung zu schaffen. Ein Projekt alleine kann nicht alles untersuchen. Einige Ergebnisse wurden auf der DOSS 2010 präsentiert.

 


Contact

Dr. Isa Jahnke

University of Missouri
School of Information Science and Learning Technologies (SISLT, iSchool)
Associate Professor
Director of Research for the IELab